Details

ISBN/EAN: 978-3-593-50579-4
Einband: Paperback
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Auflage:
1. Auflage 2017
Erschienen am:
Sprache:
Deutsch
Umfang:
332 S.
Format (T/L/B):
2 x 21.4 x 14 cm

Hersteller:
Beltz Verlagsgruppe GmbH & Co. KG
info@campus.de
Werderstr. 10
DE 69469 Weinheim


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Selbstoptimierung

Praxis und Kritik von Neuroenhancement, Frankfurter Beiträge zur Soziologie und Sozialphilosophie 23

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Beschreibung

Werden Medikamente zur kognitiven Leistungssteigerung eingenommen, um schneller und konzentrierter zu arbeiten als andere? Ist Neuroenhancement der Versuch, sich Selbstdisziplin in Form von Tabletten zuzuführen? Die in Deutschland und den USA durchgeführte Studie gibt Aufschluss über die Motive der Konsumenten und das Unbehagen, das viele gegenüber Neuroenhancement empfinden. Dabei analysiert sie Neuroenhancement im Kontext der Wettbewerbsgesellschaft der Gegenwart. Ausgewählt für die Shortlist des Opus Primum - Förderpreis der VolkswagenStiftung für die beste Nachwuchspublikation des Jahres 2017

Über Greta Wagner

Greta Wagner, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Universität Frankfurt am Main.

Leseprobe

Vorwort Es bedarf keines großen Vorstellungsvermögens, um sich klarzumachen, dass Theodor W. Adorno mit nervöser Aufmerksamkeit all die Verhaltensweisen verfolgt hätte, die heute mit dem Begriff "Neuroenhancement" belegt werden; und nach allem, was seine soziologischen Schriften an Auskünften über die gesellschaftliche Lage des Subjekts enthalten, dürfen wir nahezu sicher sein, dass er in der damit gemeinten Bereitschaft, die eigene Leistungsfähigkeit mit Hilfe pharmakologischer Mittel zu steigern, das untrügliche Zeichen einer weiteren Intensivierung des selbstauferlegten Zwangs zur sozialen Anpassung gesehen hätte. Von solchen kritischen Reflexen und Voreinschätzungen nimmt die vorliegende Studie, die überarbeitete Fassung einer am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Universität Frankfurt verteidigten Dissertation, erst einmal grundsätzlich Abstand; die Autorin, Greta Wagner, versucht vielmehr, zunächst ein möglichst vollständiges, die Per­spektive der Betroffenen einbeziehendes Bild der neuen Verhaltensweise zu entwerfen, bevor sie sich behutsam an deren diagnostische Bewertung wagt. Das Ergebnis dieser vorsichtigen, viele Stimmen sammelnden Vorgehensweise ist eine umfassende, empirisch höchst anspruchsvolle Untersuchung zum viel beschworenen Phänomen des Neuroenhancements, die wir froh sind, in der Schriftenreihe des Instituts für Sozialforschung veröffentlichen zu können. Kaum etwas scheint uns heute besser geeignet, die Tradition einer kritischen Sozialforschung produktiv fortzusetzen, als unvoreingenommen und mit soziologischem Spürsinn den Versuch zu unternehmen, der Bedeutung neuartiger, gesellschaftlich auffällig wirkender Verhaltensweisen möglichst genau auf die Schliche zu kommen. Wenn auch weniger praktiziert, als in der Öffentlichkeit gerne angenommen, stellt die private Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten zum Zweck der Steigerung kognitiver Leistungsfähigkeiten gegenwärtig fraglos ein solches auffälliges, zunächst vielleicht bizarr erscheinendes Verhaltenssyndrom dar. Die Absicht der Studie von Greta Wagner ist es, dieses neue Phänomen in seiner sozialen Bedeutung zu entschlüsseln, indem es aus der Perspektive verschiedener Akteure als mögliches Symptom einer veränderten Selbstbeziehung der Subjekte untersucht wird; den roten Faden der Rekonstruktion bildet dabei die Frage, ob und, wenn ja, inwiefern die vermehrte Nutzung derartiger leistungssteigender Medikamente in einem kausalen Zusammenhang mit jenen Zwängen zur individuellen Selbstoptimierung steht, die heute gemeinhin als ein charakteristischer Grundzug des gegenwärtigen Kapitalismus gedeutet werden. Entsprechend der umfangreichen Aufgabe, die Greta Wagner sich damit gestellt hat, muss sie in ihrer Studie thematisch sehr weit ausholen; sowohl die Beschaffenheit der verwendeten Medikamente selber, die Perspektive der Öffentlichkeit auf die damit einhergehenden Praktiken und schließlich die Selbstinterpretationen der Nutzer müssen untersucht werden, um am Ende nach Möglichkeit zu einer überzeugenden Gesamtdeutung des Phänomens gelangen zu können. Mehr noch, alle diese Schritte verlangen ihre je eigenen Zugangsweisen, so dass verschiedene methodische Register zu ziehen sind, die ihrerseits aber doch wieder in einen stimmigen Erklärungsrahmen integriert werden müssen. Die Autorin löst die damit angedeuteten Herausforderungen, indem sie in Anschluss an Luc Boltanski ihre Studie nach dem Muster einer "Soziologie der Kritik" versteht; in einem solchen Ansatz werden die gesellschaftlichen Handlungsfelder als Rechtfertigungsordnungen begriffen, deren häufig umstrittenen Prinzipien die als kompetent verstandenen Subjekte die normativen Ressourcen entnehmen können sollen, um ihr eigenes Verhalten in dem entsprechenden Feld vor sich selbst und anderen zu begründen. Auf diese Weise können die öffentlichen Debatten um das Neuroenhancement, die ja einen wesentlichen Bezugspunkt der vorliegenden Studie bilden sollen, zugleich als normative Horizonte der Deutungsaktivitäten betrachtet werden, mit deren Hilfe die Benutzer_innen ihren Gebrauch von leistungssteigernden Pharmazeutika zu rechtfertigen versuchen. Aus einem Guss ist mithin, was uns im Folgenden als Vorschlag für eine umfassende Deutung des neuen Verhaltenssyndroms begegnet, weil das Außen und das Innen, die gesellschaftliche Sichtweise und die Binnenperspektive der Beteiligten, immanent aufeinander bezogen bleiben. Es liegt auf der Hand, dass Greta Wagner, wenn sie sich ihrem Thema von Außen zu nähern versucht, zunächst einmal die stoffliche Materie selbst in den Blick nehmen muss, die in dieser Praxis der leistungssteigernden Einnahme von Medikamenten Anwendung findet. Nichts weniger als eine überblicksartige Kulturgeschichte der Herkunft und praktischen Verwendungszwecke solcher optimierend auf die Hirnfunktionen einwirkenden Pharmazeutika wird uns hier geboten, die von den Anfängen in militärischen Kontexten über die Nutzung zur Gewichtskontrolle ab den 1940er Jahren bis hin zur heutigen Bekämpfung von sogenannten ADHS-Symptomen bei Jugendlichen reicht. Unter den vielen chemischen Substanzen, die im Zuge dieses medizinischen Suchprozesses getestet und genutzt wurden, ist es eine Handvoll, die gegenwärtig von privaten Nutzern - und darunter vor allem "Wissensarbeitern", wie betont wird - ohne ärztliche Begleitung zum Zweck der Leistungsoptimierung eingenommen werden. Bei allen Unterschieden in der chemischen Zusammensetzung, so berichtet Greta Wagner, teilen die derart verwendeten Substanzen allesamt die Eigenschaft, entweder die Wachheit, die Aufmerksamkeit, den Antrieb oder die individuelle Motivation zu steigern, um dadurch die zur Verfügung stehende Zeit effektiver nutzen zu können und gezielt anstehende Dinge "erledigt zu bekommen". Dass die Praxis, die sich in einer solchen rein privaten Einnahme der chemischen Substanzen abzuzeichnen begann, alsbald die kritische Aufmerksamkeit der politischen Öffentlichkeit erregte, kann nicht weiter überraschen; zu offenkundig waren doch die vielzähligen Risiken, die damit sowohl unter gerechtigkeitstheoretischen als auch unter ethischen Gesichtspunkten einhergingen, als dass sich nicht in kürzester Zeit eine Reihe von skeptischen Stimmen zu Wort gemeldet hätten. Diesen breitgefächerten Reaktionen auf das neue Verhaltenssyndrom widmet sich Greta Wagner in den anschließenden Kapiteln ihrer Studie; und auch hier gilt wieder, dass uns mit großem Geschick für pointierte Zusammenfassungen ein Einblick in Diskursstränge gewährt wird, deren Kenntnis für ein angemessenes Verständnis der sozialen Bedeutung von Neuroenhancement unverzichtbar ist. Den Anfang bei dieser Aufarbeitung der das Phänomen umlagernden Diskurse macht die bioethische Debatte, die in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem in Deutschland eine stark polarisierende Form angenommen hat. In der in ihren vielen Verzweigungen kaum zu überblickenden Diskussion - umso größer das Verdienst der Autorin, durch beherzte Typisierungen hier für Klarheit zu sorgen - stehen sich nicht nur die beiden Lager der eher auf gerechtigkeitstheoretische Prinzipien bedachten und der stärker ethisch argumentierenden Vertreter gegenüber, sondern innerhalb der beiden Lager auch noch einmal Befürworter und Gegner des Neuroenhancements. Kreist der gerechtigkeitstheoretische Zweig der Debatte um die Frage, ob die Einnahme leistungssteigender Medikamente die Bedingungen eines fairen Wettbewerbs verletze oder nicht, so beschäftigt deren ethischen Flügel vordringlich die Frage, inwiefern der Konsum solcher Mittel den Tatbestand der Selbstmanipulation erfülle und damit unseren tiefverankerten Vorstellungen persönlicher Authentizität widerspreche. Mit sicherer Hand führt uns Greta Wagner durch diese vielstimmige Landschaft, um einen Eindruck davon zu vermitteln, wie zerklüftet und vieldeutig die Legitimationsordnung ist, auf die sich die Nutzer bei ihren Versuchen einer Selbstrechtfertigung stützen können; von klaren, diskur...